Eigentlich wollte ich meine Blogpause mit einem kleinen Text über die letzten Wochen beenden. Die gestrige Entscheidung der Berliner Landesschiedskommission der SPD in Sachen Thilo Sarrazin lässt mir aber keine Wahl, diesen Plan zu ändern. Denn was da gestern entschieden wurde ist für mich sehr sehr problematisch.
Es begann alles im letzten Jahr, als Thilo Sarrazin der Zeitschrift „Lettre International“ ein unter dem Titel „Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten“ gab (deutsche Ausgabe, Heft 86). Das heißt, eigentlich begann es schon eher, denn Sarrazin war schon früher durch beleidigende provokante Äusserungen aufgefallen. In diesem Interview jedenfalls redete Sarrazin als wäre es das normalste auf der Welt von „20% der Bevölkerung die nicht ökonomisch gebraucht werden“, diese 20% müssten „sich auswachsen“. Präzisieren tut Sarrazin: „Eine große [...] Zahl von Arabern und Türken in dieser Stadt [...] hat keine Funktion“.
Der Rassismus tritt an dieser (und anderen) Stelle schon allein daran hervor, dass Sarrazin die Bevölkerung immer wieder in Gruppen einsortiert, die er nach Herkunftsland einteilt. „Türken und Araber“ hebt er mehrfach als besonders negativ hervor. Die viel zitierten „Kopftuchmädchen“ sind dabei nicht einzelne Auswüchse innerhalb Sarrazins Äusserungen, sondern nur Teil eines insgesamt von Rassismen (und dazu einem völlig unsozialdemokratischen Begabungsbegriff) geprägten Textes.
So kommt denn auch ein mir vorliegendes Gutachten des Politikwissenschaftlers Gideon Botsch zu dem Ergebnis, das Sarrazins Interview „eindeutig als rassistisch zu betrachten“ sind. Das im Auftrag der Spandauer SPD erstellte Gutachten(das Sarrazin selbst gerne als „fäkal“ bezeichnet) begründet dies damit, das Sarrazins Äusserungen „[...]Differenz konstruieren, Wertungen vornehmen, Zuschreibungen verallgemeinern und die Funktion erkennen lassen, die Privilegierung von „Leistungsträgern“ und „Eliten“ einerseits, Ausgrenzung von „Unterschichten“ und „Leistungsverweigerern“ andererseits zu begründen.“
Das Gutachten kommt letztlich sogar zu dem Schluss, Sarrazins Äusserungen seinen nicht nur rassistisch, sondern hätten sogar eine „besondere Radikalität“. Abschliessend stellt es fest:
Die beanstandeten Einlassungen sind nicht bloß Ausdruck unbewusster rassistischer Ressentiments, die sich eruptiv Bahn brechen. Sie dienen vielmehr der bewusst als Tabubruch inszenierten Konstruktion und Mobilisierung von Vorurteilen, verknüpft mit weit reichenden – in dieser Radikalität sonst nur von antidemokratischen, rechtsextremen Parteien erhobenen – Handlungsvorschlägen an die Politik.
Deutliche Worte! Hingegen stellt die Schiedskommission der Berliner SPD fest, Sarrazin sei unter anderem deshalb nicht rassistisch, weil er nicht alle MigrantInnengruppen abgewertet hätte. Sondern eben nur einzelne, wie etwa „Türken und Araber„, während „Asiaten“ bei Sarrazin eher gut wegkommen. Ich hatte bisher gedacht, genau diese Einteilung von Menschen nach ethnischer Herkunft sei Rassismus. Die Schiedskommission ist anscheinend anderer Ansicht.
Auch die klare Aussage, das Sarrazin sich weitere Äusserungen dieser Art nicht erlauben dürfe beruhigt mich nicht. Wären es in der Tat die ersten Äusserungen dieser Art gewesen, ja, dann könnte ein solcher Warnschuss greifen. Aber Sarrazin hat, wie schon erwähnt, eine lange Geschichte von abfälligen Äusserungen über MigrantInnen und sozial schwache Menschen. Und noch während seines laufenden Parteiordnungsverfahrens hat er – auch in den letzten Wochen – immer weiter nachgelegt. Von Reue oder auch nur Erkenntnis kann hier nicht die Rede sein. Hier ist stattdessen ein überzeugter Brandstifter unterwegs.
Für mich als überzeugten Antirassisten ist die Person Sarrazin als Parteigenosse ein wirkliches Problem. Zwar stellt die Schiedskommission fest, das Rassismus keinen Platz in der SPD hätte, den Rassismusbegriff den die Schiedskommission hier für die SPD anlegt halte ich für falsch und gefährlich. Für mich ist und bleibt es Rassismus, wenn Menschen nach Herkunft bzw. Ethnie unterschieden werden, wenn Gruppen von Menschen pauschal bestimmte Eigenschaften wie Fleiß oder Faulheit unterstellt werden.
Bei Facebook habe ich gemeinsam mit dem Genossen Thorsten Lunz aus Nürnberg eine Gruppe gegründet. Sie heisst: „Wenn Sarrazin in der SPD bleiben darf, dann müssen wir leider gehen.“ Mitglieder dieser Gruppe stehen hinter der folgenden Aussage:
Die Schiedskommission hat beschlossen: Thilo Sarrazin darf in der SPD bleiben. Obwohl er durch seine wiederholten Aussagen bewiesen hat, dass er ein Rassist ist.
Als Gegner jeglicher Formen des Rassismus ist es für uns schwer erträglich, weiter mit Herrn Sarrazin in einer Partei zu sein. Wir treten daher weiter für seinen Ausschluss ein – denn ansonsten müssten wir alle austreten.
Ich möchte dazu ganz klar darauf hinweisen, dass wir mit Absicht im letzten Satz einen Konjunktiv gesetzt haben. Für uns ist die Sache mit dem Urteil der Schiedskommission nur nicht erledigt. Es schmerzt uns, das gleiche Parteibuch zu haben wie Herr Sarrazin, dessen Äusserungen wir ablehnen und der für uns ganz klar rassistisches Gedankengut verbreitet. Wenn die SPD eine „Volkspartei“ sein will, dann darf sie die Diskriminierung von MigrantInnen und sozial Schwachen durch ein prominentes Parteimitglied ganz einfach so nicht hinnehmen.
Hinzugefügt am 17. März, 9.40Uhr: Da viele gefragt haben, ein Link zum Beschluss der Schiedskommission der Berliner SPD findet sich hier.